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Morningwood«Bei uns ist Sex sehr wichtig»

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Date: Januar 2006

Vergesst die New Yorker Postpunk-Hippster um The Strokes, The Rapture und Radio 4! Hier kommen Morningwood!

Hier kommt geschüttelter Big-Apple-Rock in all seinen schillernden und frechen Färbungen!
Hier kommt «sexy music for sexy people!» Hier kommen Sängerin Chantal Claret und Bassist Pedro Yanowitz und erzählen, wo und wie ihre Gruppe geboren wurde, dass New York nur halb so hip ist, wie wir Europäer stets denken, und bei welchem Song sich die Fans die Kleider vom Leibe reissen.

Miss Claret und Mister Yanowitz, da man Morningwood in Europa noch nicht wirklich gut kennt, wäre es schön, wenn sie ihre Band in einem verbalen Werbespot kurz vorstellen würden.

Pedro Yanowitz: Willst Du?

Chantal Claret: Nein, mach Du das.

Yanowitz: Ok. Unsere Mission als Band ist es, Energie zu generieren. Für uns selbst, für unsere Freundschaft, für unsere Zusammenarbeit. Und diese Energie wollen wir an den Live-Shows aufs Publikum übertragen.

Sprechen sie von Energie in einem spirituellen oder eher einem physischen Sinn?

Claret (lacht): Ich denke, wir beginnen mit körperlicher Energie, und irgendwann kommt die spirituelle hinzu. Nein, ich mach nur Spass. Ein anderes Ziel ist es, die Kunstform der Unterhaltung in die Rockmusik zurückzubringen. Musik wird heutzutage entweder supercool und schlampig oder aber total seriös dargeboten. Wir wollen die Leute auf eine fesselnde, auch mal schräge Art unterhalten.

Wann und sind Morningwood entstanden?

Yanowitz: Chantal und ich trafen uns erstmals an einer Geburtstagsparty von Sean Lennon (Anm. d. Red.: der Sohn von John Lennon und Yoko Ono), einem, wie wir damals noch nicht wussten, gemeinsamen Freund von uns. Es war eine wilde, durchzechte New Yorker Nacht, und am Schluss landeten wir im Dakota House, wo Yoko noch immer ein Appartement besitzt. Und dann sassen wir da, in einem riesigen Raum, rund 15 Leute, die meisten waren Musiker. Irgendwann war es fünf Uhr morgens, und Sean bat jede und jeden von uns, ihm einen Geburtstagssong zu widmen. Eine Gitarre wurde herumgereicht, und alle sangen und spielten, es war grossartig. Dann war Chantal an der Reihe. Sie war zu jenem Zeitpunkt an der Filmschule und hatte ausser unter der Dusche noch niemals gesungen. Sie sagte, sie könne nicht Gitarre spielen, würde aber ein Lied vortragen, das sie als Teenager geschrieben habe. Dann fing sie an, und der ganze Raum war totenstill. Bis auf ihre wunderbare Stimme und diesen langsamen, traurigen Song war nichts zu hören. Es war ein magischer Moment. Alle waren hin und weg, ich war völlig erschüttert. Sie und ich tauschten dann die Nummern, und ich rief sie am nächsten Tag an, und fragte sie, ob sie nicht Lust hätte, in meiner neuen Band, die ich gründen wollte, mitzumachen. Eigentlich wollte ich mein Glück als Solomusiker versuchen, aber nachdem ich sie getroffen hatte, warf ich diesen Plan über den Haufen. Wir verstanden uns blendend, obwohl wir einen Altersunterschied von 15 Jahren haben. Und zusammen mit meinen engen Freunden Japa Keenon (Drums) und Timo Ellis (Gitarre) entwickelte sich langsam eine Band. Wir hatten nicht mal eine Ahnung, was für Musik wir eigentlich machen wollten. Spielten ein bisschen Hip Hop, ein bisschen Folk, irgendwann Rock und Punk und Metal. Ich wusste einfach, dass mein Statement zu 9/11 harsch und laut, aber auch «fun as fuck» werden musste.

Claret: Ich mochte Rockmusik schon immer, aber ich wusste nicht, ob ich das physisch hinkriegen würde, als Frontfrau einer irren Rockband auf der Bühne zu stehen. Als wir eines Tages realisierten, dass wirs laut hinkriegen, konnten wir nicht mehr zurück.

Yanowitz: Was hinzukam war, dass wir echt genug hatten von diesem Mellowmood, von all diesen traurigen und philosophischen Singer/Songwriter-Typen.

Sie sprechen vom sogenannten Antifolk, dieser populären New Yorker Protestbewegung, deren Held oder eher Antiheld Adam Green ist?

Claret: Genau, aber diese Bewegung ist eigentlich gar keine Bewegung. Es sind, bis auf wenige Ausnahmen, alles Einzelkämpfer. Und es sind vor allem sehr wenige.

In Europa wird Antifolk als grosses N.Y.C.-Ding verkauft – das stimmt also gar nicht?

Claret: Nein. Es gab mal einen kurzen Moment, da wars ein Medienthema, aber das ist vorbei. Ich kenne Adam seit Jahren. Er ist ein netter und witziger Typ. Aber in New York geht er die Strasse entlang, ohne dass ihn jemand erkennen würde.

Yanowitz: Ich glaube, in Europa wird New York nach wie vor viel zu stark romantisiert und verklärt.

Das Problem ist, dass man von hier aus nicht überprüfen kann, was richtig und was falsch ist.

Claret (lacht): Deshalb sind wir heute hergekommen, um die Dinge klarzustellen.

Yanowitz: Genau. Und das nächste, was wir klarstellen müssen: es gibt in New York auch keine riesige und supercoole Underground-Rock-Szene.

Sie zerstören unser wunderbares New-York-Bild!

Claret (lacht):
Oh nein, das wollten wir nicht. Sorry sorry sorry!

Kein Problem, wir werdens überleben. Zurück zur Band. Der Name Morningwood (Anm. d. Red.: übersetzt heisst das Morgenlatte) – eine Provokation? Ein Programm? Oder nur Spass?

Yanowitz: Wir haben diesen Bandnamen gleich am Tag nach dieser erwähnten Geburtstagsparty kreiert. Chantal und ich sassen vier Stunden am Telefon und sind alle möglichen Namen durchgegangen. Und bei Morningwood hats «klick» gemacht. Der Begriff ist witzig und ein klein wenig schmutzig. Ich denke aber, dass nicht alle Amerikaner dessen Bedeutung kennen, da es ein Slangausdruck ist. Gleichzeitig hat er auch einen schönen klang und ist verspielt. Deshalb passt er perfekt zu unserer Band.

Claret: Wir hatten den Namen, bevor wir die erste Songidee entwickelt hatten. Ich bin überzeugt, er hat das Songwriting beeinflusst. Hätten wir uns Darkrider oder so ähnlich genannt, würde das Album bestimmt ganz anders klingen.

Nehmen wir die Morgenlatte als Ausgangspunkt für die universelle Sexfrage – kann es heutzutage überhaupt noch Musik ohne Sex geben?

Yanowitz: Ich glaube schon. Was es nicht geben kann, oder besser: nicht geben sollte, ist Musik ohne Emotionen.

Claret: Ich denke, bei uns ist Sex ein sehr wichtiges Thema, denn wir sind sexuelle Menschen. Und wir schreiben sehr persönliche Songtexte. Ich bin aber mit Pedro einverstanden – nicht jede Art von Musik ist sexuelle Musik.

Yanowitz: Es gibt sogar bei uns Songs, die nicht sexuell sind. Sie sind sexy, haben aber keinen sexuellen Hintergrund.

Claret: Ja, «Take Off Your Clothes» zum Beispiel, da geht’s um Politik (lacht). Nein, ich mach nur Spass.

Welches Stück auf dem Album ist am ehesten prädestiniert, dem Zuhörer eine Morgenlatte zu bescheren?

Claret: Sehr gute Frage. Ich würde sagen «Take Off Your Clothes», vor allem in der Live-Version. In der Regel steigen da Frauen und Männer auf die Bühne und reissen sich die Kleider vom Leib. Und zwar freiwillig.

Und das im streng gesitteten New York von Bürgermeister Bloomberg? Das kann ich nicht glauben.

Yanowitz: Doch, das ist überhaupt kein Problem. In diesem Bereich ist New York eine sehr tolerante Stadt.

Claret: Aber die besten Konzerte hatten wir sowieso nicht in New York. In New York ist es wichtiger, cool zu sein als abzurocken. Ganz anders in kleineren Städten. Da drehen die Leute durch, regelmässig. Das macht viel mehr Spass. Kids, die noch nie von uns gehört haben, kommen ans Konzert und feiern die Party ihres Lebens.
 
Womit wir elegant zur Musik zurückgekehrt wären. Wer oder was inspiriert euch beim Songwriting?

Yanowitz: Wir versuchen eigentlich das ganze 19. Jahrhundert in unsere Musik einzubeziehen. Wir wollen keine Dekade der andern vorziehen, sie sollen alle Platz finden. Eigentlich ist ja alles bereits einmal gemacht worden. Das ist nicht als Kritik gemeint, wir umarmen sie alle, diese Stile. Und deshalb versuchen wir sie alle zu vereinen, begonnen bei den Zwanzigerjahren, die Chantal sehr am Herzen liegen, bis hin zu den Nineties.

Claret: Und bei den Lyrics wir die diese Storys, von welchen ich singe, irgendwann mal erlebt haben; ich oder auch die Jungs. Mindestens den Haupteil davon, der Rest ist dann künstlerische Freiheit. Die Texte sind also eine Art Bandjournal, sehr offen, direkt und ehrlich.

Gibt es trotzdem diesem stilistischen Konglomerat ein Genre, in welches diese Musik hineinpasst?

Yanowitz: Wir tun uns sehr schwer damit. Natürlich klingt es nach Rock, nach Punk, nach Pop. Am liebsten zitieren wir die Kisten, in welchen wir unsere Bühnentechnik transportieren. Diese sogenannten Roadcases haben wir aus zweiter Hand gekauft, und auf den meisten stehen die Namen der früheren Besitzer drauf. Wir haben eins von Tori Amos und eins von Metallica. Also erklären wir, unser Sound sei eine Kreuzung aus Tori Amos und Metallica. Das sagt nichts aus – und doch irgendwie auch alles (lacht).

Welches ist der perfekte Moment, um sich das Morningwood-Album anzuhören?

Claret: Ich glaube, der einzige Moment, der nicht passt, ist der Morgen. Direkt nach dem Aufwachen...da sollte es wohl etwas anderes sein. Und während dem Sex könnte es, je nach bevorzugter Praxis, manchen Menschen zu intensiv sein (lacht).

Yanowitz: Ideal scheint es mir vor dem Ausgang. Man kommt aus der Dusche, fühlt sich frisch aber noch etwas müde von der Arbeit, und um sich dann in die richtige Stimmung für die Party zu bringen, ist dieser Sound perfekt. Er wirkt wie musikalischer Kaffee, wie Energie. Es hält einem am Leben, um es philosophisch auszudrücken.

Ein gutes Stichwort für die letzte Frage – was braucht eine Band in dieser schnelllebigen Zeit, damit sie am Leben bleibt?

Yanowitz: Ich kann da nur für Morningwood sprechen. Und bei uns ist es ganz klar die Freundschaft. Und der Spass.

Claret: Und Geld (lacht).

Yanowitz: Klar, ohne Erfolg oder Geld wird’s irgendwann hart. Aber wichtiger scheint mir tatsächlich die Freundschaft, die Entwicklung der einzelnen Bandmitglieder, die sich auch auf die Entwicklung der Musik auswirken kann. Auch wenn es genau solche Entwicklungen oder Veränderungen sind, die Fans oder Kritikern oft Mühe bereiten.

Claret: Aber ich denke, wenn wir uns verändern, weil es ehrlich ist, weil es ins uns steckt, werden die Leute das auch akzeptieren.








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