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Roisin Murphy«Das Thema, das bin ich»

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Date: Oktober 2005

Roisin Murphy, begnadete Sängerin der britischen Alternative-Dance-Band Moloko, hat ihr erstes Soloalbum «Ruby Blue» mit Matthew Herbert eingespielt.

Unter Mithilfe des Avantgarde-Tüftlers Matthew Herbert ist ein Werk entstanden, das sich zwischen experimenteller Elektronik, Trip Hop, Jazz, Folkpop und Voodoo bewegt. Kurz: eine Platte, die herausfordert.
Im Interview spricht der attraktive Rotschopf über Matthew Herbert, Angst, die Definition von Lyrik, Seelenstrips, Hardcore-Fans  – und die Zukunft von Moloko.


Roisin Murphy, wenn man die Pressinformation liesst, bekommt man den Eindruck, dass Sie sich am Anfang der Zusammenarbeit mit Matthew Herbert nicht sicher waren, ob dieses neue Teamwork funktionieren würde. Weshalb?

Roisin Murphy: Ich hatte Angst. Matthew sagte mir, ich solle zum ersten Treffen einen mir wichtigen Gegenstand mitbringen. Also nahm ich mein Notebook mit ins Studio. Mein Notebook ist mir heilig, ich brauche es für enorm viele Dinge, auch fürs Schreiben der Songs. Als er das Notebook sah, sagte er, ich solle damit aufs Mikrofon hämmern. Danach musste ich es auf den Tisch schlagen, musste Münzen darauf werfen und viele andere Dinge damit anstellen. All die so entstandenen Sounds und Geräusche nahm er auf. Dann musste ich jene auswählen, die mir gefielen. So entstand der erste Song «If We’re In Love». Ich hatte noch nie auf diese Art und Weise gearbeitet. Es war so unkompliziert. Aber auch enorm schnell. Und deshalb wusste ich zu Beginn nicht, ob es funktionieren würde, weil ich mir nicht sicher war, ob ich für eine solche Arbeitsmethode gut genug qualifiziert sein würde. Was mich logischerweise ängstlich stimmte, immerhin ging es hier um mein Solodebüt.

Diese Angst muss aber bald verflogen sein, schliesslich ist die nicht immer zugängliche Musik durch ein starkes Selbstbewusstsein geprägt.

Murphy:
Die Angst dauerte nicht lange. Am zweiten Tag war sie verschwunden, und wir haben extrem intensiv gearbeitet, heftig rauchend, mit einem Vierspurgerät bis drei Uhr morgens. Es ging ums Festhalten des Moments, und deshalb wurde die ganze Sache zu einem modernen Abenteuer. Da Matthew in viele andere Projekte involviert war, konnten wir nur sehr sporadisch produzieren, alles musste sehr ökonomisch organisiert werden. Manchmal war es so, dass ich zuhause sass und auf seinen Anruf wartete, dann für drei Stunden ins Studio ging, und danach wieder ein paar Tage auf seinen nächsten Anruf wartete. Der ganze Prozess, bis hin zu den abschliessenden Detailarbeiten, hat rund ein Jahr gedauert. Wir hatten ausgemacht, mit niemanden darüber zu sprechen, bis das Album fertig war. Ich wollte nicht, dass die Plattenfirma plötzlich eingreift und ihre eigenen Ideen verwirklicht sehen will. Dass die Musik nun selbstbewusst klingt, was ich tatsächlich auch finde, lag am grossen gegenseitigen Respekt. Wir haben uns blind vertraut, und uns gegenseitig bestärkt. Dass der Sound nicht zugänglich sein soll, sehe ich nicht so. Ich würde eher sagen, die Musik fordert heraus. Und genau das wollte ich erreichen. Mit Moloko war das leider nicht immer der Fall.

Gibt es so was wie ein grosse Idee, ein Oberthema, dass sich durchs ganze Album hindurch zieht?

Murphy: Ja, das Thema und die Idee, das bin ich. Alles was man hört, stammt von mir. Die Geräusche, die Stimme, die Worte, die Rhythmen. Matthew hat es dirigiert, festgehalten, verfeinert, modelliert. In diesem Sinne ist der Prozess, der diesem Album zugrunde liegt, eine biologische Entdeckungsreise. Eine, die den Klang und den Spirit meines Wesens zu Tage gefördert hat. Als mir dies klar wurde, verlor ich die Angst davor.

Wenn dem so ist, trifft das auch auf die Lyrics zu – und dieses Album ist demzufolge eine Art Seelenstrip.

Murphy: Songs zu schreiben, das ist der Grund, weshalb ich immer noch hier bin, weshalb ich noch Musik mache. Mein Ziel ist es, mein Songwriting laufend zu verbessern, deshalb arbeite ich weiter. Mit jeder Platte sind meine Songs persönlicher und emotionaler geworden, und zwar bewusst, weil ich es so wollte. Es sind mehr Erfahrungen da, es gibt mehr Glück, mehr Erlebnisse. Aber ich denke, die Worte, die Texte, sind noch immer zu kryptisch und zu geheimnisvoll, als dass man von einem Seelenstrip sprechen könnte. Ich bin ein extrovertierter Mensch, auch auf der Bühne, was Kritiker oft missverstehen. Aber ich weiss mich vor mir selbst zu schützen.

«Ruby Blue» (rubinblau), der Titel des Albums, ist eine Farbe, die, soviel ich weiss, in der Natur nicht existiert. Kann man das als Metapher dafür nehmen, dass man diese Musik nicht verstehen, sondern nur fühlen und erahnen kann?

Murphy: (lacht). Das ist ein schöner Vergleich, der gefällt mir, ich werde den irgendwann verwenden. Ich habe den Ausdruck «Ruby Blue» irgendwo aufgeschnappt, keine Ahnung wo, vielleicht ist es der Name eines Shops. Egal. Ich glaube, lyrische Begriffe müssen vieldeutig sein. Das ist ihre Aufgabe. Und so will ich meine Sprache in die Musik einbringen, poetisch und mehrdeutig. Rubin steht für mich für Mut, Leidenschaft, fürs Feurige, aber auch fürs Verrückte in meiner Musik. Das entsprechende Pendant dazu ist blau. Diese Farbe steht für Melancholie, für Angst, für Nachdenklichkeit. Diese Dinge gehören untrennbar zusammen. Hinzu kommt, dass ich dem Album nicht meinen eigenen Namen geben wollte. Ich wollte mich nicht noch mehr exponieren.

Wenn ich jemanden, der das Album nicht kennt, erklären müsste, wie die Musik von «Ruby Blue» klingt – was müsste ich ihm erzählen?

Murphy: Ein Terminus, der meiner Ansicht nach gut passen würde, wäre elektronische Roots-Musik. Komisch ist, dass mich viele Leute auf die Jazzharmonien ansprechen, weil ich so was nie zuvor verwendet habe. Diese jazzigen Elemente kamen jedoch erst ganz am Schluss hinzu, als wir den Songs den letzten Schliff verliehen haben. Es ist definitiv keine Jazz-Platte, dafür sind die Rhythmen zu afrikanisch. Sie könnten gar von Urvölkern abstammen.

Könnte man auch von Voodoo-Rhythmen sprechen?

Murphy: Ja, unbedingt. Es gibt da etwas Unerklärliches, Übernatürliches. Ich hatte oft das Bild eines Stammeskults vor Augen, als ich die Musik hörte. Freunde von mir haben auch gesagt, der Sound erinnere sie an Tom Waits. Was ich natürlich als riesiges Kompliment auffasse, auch wenn es niemals die Absicht war, Tom Waits zu imitieren.

Gehen wir noch einen Schritt weiter und  stellen uns vor, diese Musik wäre ein Soundtrack. Wie würde der dazugehörige Film aussehen?

Murphy (lacht): Sie fordern mich ganz schön heraus. Also, ich würde sagen es wäre ein Technicolor-Film. Er wäre bestimmt sehr modern und gleichzeitig sehr altmodisch. Inhaltlich wäre eher wohl eher abstrakt, vielleicht ähnlich wie «2046» von Wong Kar-Wai. Schön, sentimental, dringlich. Als wir das Album machten, sprachen Matthew und ich tatsächlich oft in musikalischen Bildern. Es waren sehr persönliche Gespräche. Was irgendwie komisch war, denn sonst wurde es niemals persönlich. Wir gingen nie auf einen Drink, wir haben nicht einmal zusammen zu Mittag gegessen. Wir würgten im Studio ein Sandwich runter, das wars. Aber kaum gings um die Musik, waren alle Grenzen aufgehoben. Da Matthew jedoch ein sehr klares und moralisches musikalisches Dogma verfolgt, hatten diese Gespräche dennoch etwas Leichtes und Unbeschwertes.

Die Musik empfängt ihren Hörer, anders als bei Moloko-Songs, nicht mit offenen Armen, sie fordert ihn heraus. Befürchten Sie nicht, dass die Hardcore-Moloko-Fans ein wenig irritiert sein könnten?

Murphy: Nein, das glaube ich nicht. Hardcore-Moloko-Fans sind Menschen, die jeden Remix, jede Schwarzpressung kaufen. Sie machen alles mit, also werden sie auch die neue Roisin Murphy nicht verstossen. Im Gegenteil, sie werden genau eine solche Platte erwarten. Ich denke eher, dass die Produzenten in den Radiostudios irritiert sein werden, da es nicht ganz einfach sein wird, meine Songs ins kommerzielle Tagesprogramm einzugliedern. Und Dancemusic-DJs dürften wohl auch ihre Schwierigkeiten haben (lacht).

Bedeutet der Alleingang von Roisin Murphy das Ende von Moloko?

Murphy: Ich hatte mir eigentlich nie Gedanken über ein Soloalbum gemacht. Ich ging auf Matthew Herbert zu, um mit mir einen einzigen Song zu machen, aus Spass. Gleichzeitig hatte mein Moloko-Partner Mark Brydon entschieden, sein eigenes Studio einzurichten, er wollte auch unabhängig von mir arbeiten können. Weil das eine Ewigkeit dauerte, und ich nicht untätig rumhocken wollte, ging ich nach der letzten Tour wieder zu Matthew, und wir haben noch ein paar Songs aufgenommen. Irgendwann fragte ich mich, was ich damit anstellen sollte. Die Antwort war bald klar – es würde mein erstes Soloalbum sein. Aber um auf die Frage zu antworten – ich weiss es ganz ehrlich nicht, ob es mit Moloko weitergehen wird.

Dieses Album steht also für einen grundsätzlichen Neuanfang?

Murphy: Auf der letzten Moloko-Tour spielten wir auf den grössten Bühnen, bekamen enorme Aufmerksamkeit, und ich hatte das Gefühl, ein richtiger Star zu sein, was ich in diesem Moment sehr genoss. Als ich aber nach der Tour in meiner neuen Wohnung in London sass, allein und einsam, ohne Freunde und ohne Lover, da merkte ich, dass ich etwas Anderes wollte. Etwas, Inniges, das mehr mit mir zu tun hatte. Ich musste dieses Album machen. Und es hat mir geholfen, wieder zu mir zu finden. Ich war mir lange nicht sicher, ob es für mich ein musikalisches Leben ohne Mark und Moloko geben würde. Jetzt weiss ich, dass es existiert. Es ist also tatsächlich ein Neuanfang.


Roisin Murphy: «Ruby Blue» (Echo / MV)








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