The Dandy Warhols: «I love to be drunk»
Date: September 2005
The Dandy Warhols aus Portland (USA) gelten bei Kritikern, Fans und David Bowie als eine der spannendsten, aufregendsten und wildesten Indie-Bands der Welt.
Nach ihrem letzten Album «Welcome To The Monkey House» (2003), das einem melodiösen Pop huldigte, kehrt das Quartett mit dem sechsten Longplayer «Odditorium Or Warlords Of Mars» nun zu seinen psychedelischen Hippie-Wurzeln zurück. Bandleader und Sänger Courtney Taylor-Taylor über den neuen Sound, Andy Warhol, Radiostationen und «Sex & Drugs & Rock’n’Roll».
Mister Taylor-Taylor, während Sie mit der letzten Platte der Welt überraschend freundliche Popmusik bescherten, geht’s mit dem aktuellen Album nun wieder zurück zu den düsteren, härteren und psychedelischen Anfängen der Band. Ein Zeichen für endgültige Desillusion?
Courtney Taylor-Taylor: Nein. Wie ich die Welt sehe, wie ich über sie denke und nachdenke, ist mein ganzes Leben lang mehr oder weniger konstant geblieben. Das letzte Album war, wie auch alle vorgängigen Platten, ein Experiment. Wir haben versucht, eine strukturierte Produktion einzuspielen, bei der die synthetischen Einflüsse der Achtzigerjahre spürbar sind. Früher wollten wir beispielsweise lernen, wie Dylan oder Grateful Dead ihren speziellen Sound hingekriegt haben. Und beim ersten Album «Dandys Rule O.K.» gings sogar darum herauszufinden, wie man verdammt noch mal überhaupt eine Platte macht. Wir hatten bloss fünf Tage Zeit im Studio, und rockten und sangen einfach drauflos. Freunde kamen vorbei, spielten Congos oder Tamburin, es war rasant und furios. Das neue Album war hingegen eher das Experiment, all das Gelernte in einer Produktion unterbringen zu können.
Dann kann man also sagen, dass die Band mit «Odditorium Or Warlords Of Mars» ein neues Level erreicht hat. Ist es das endgültige Level? Werden die Dandys fortan immer so klingen wie jetzt?
Taylor-Taylor (lacht): Nein, bestimmt nicht. Man erreicht immer wieder neue Zustände oder neue Ebenen im Leben. Unsere nächste Platte wird eine funkige, knallige Gitarren-Riff-Platte sein.
Sie denken bereits über das neue Album nach? Ihre aktuelle Platte ist doch eben gerade erschienen.
Taylor-Taylor (lacht): Ist doch klar, dieses Ding ist gemacht, es ist seit sechs Monaten fertig.
Aber ihr werdet diese aktuellen Songs doch noch in Konzerten spielen müssen. Da muss man sich doch damit auseinandersetzen, darüber reflektieren.
Taylor-Taylor: Ja, ich weiss. Und die Songs kommen toll rüber, das haben wir bei ersten Gigs in den USA gemerkt. Aber fuck, ich liebe Musik so sehr, ich kann nicht einfach untätig rumhängen. Wir werden den ersten Song des nächsten Albums aufnehmen, bevor unsere Europa-Tournee startet. Ich liebe es, im Studio zu sein. Ich habe kürzlich ein gigantisches Mischpult gekauft, für 110 000 Dollar. Total verrückt. Aber ich will alle technischen Mittel und die perfekte Ambience zur Verfügung haben, die wir brauchen, um jederzeit Musik machen und einspielen zu können. Deshalb habe ich in Portland auch eine alte Fabrik gekauft, um dort unser Studio einzurichten. Das heisst, es sind zwei Studios. Dazu gibt’s Arbeitsplätze für Web- und Grafik-Design, eine Küche, die so gross und modern ist wie in einem guten Restaurant, ein Speisezimmer für 20 Personen, eine Bibliothek, ein kleines Kino und einen Basketball-Court.
Das klingt ganz nach Andy Warhols berühmter «Factory» in New York.
Taylor-Taylor: Ja, die «Factory» war das ideele Vorbild dazu. Aber unsere Fabrik ist besser und grösser. Kürzlich kam Warhols ehemalige Assistentin Paige Powell zusammen mit Regisseur Gus van Sant und der Duran-Duran-Crew dort zum Nachtessen. Und da verglich jemand Andys «Factory» mit unserem Haus, und Paige erklärt ganz kleinlaut, dass Andy nie so was in der Art gehabt habe. Es ist wirklich ein Killer.
Aber einen eigenen Flughafen gibt es nicht?
Taylor-Taylor (lacht): Nein, aber wenn ich darüber nachdenke, wäre ein Helikopter-Landeplatz tatsächlich noch cool. Das wichtigste jedoch ist, dass uns dieses etwas andere Studio hilft, unsere Musik so umzusetzen, wie wir wollen, und wenn uns danach ist.
Das total abgefahrene Rockstar-Leben?
Taylor-Taylor: Ich würde es eher als sinnliches Künstler-Leben bezeichnen. Beim Rock wird gekotzt, Rock stinkt. Das gibt es bei uns nicht. Gut, es kann mal vorkommen, dass jemand zuviel trinkt und dann umkippt. Meistens ist das meine Freundin. Aber das passiert sehr selten (lacht). Nein. Es geht eher um die verlorene Künstlerseele, jene Szene halt, aus der wir herkommen. Und wir machen einen guten Job, deshalb können wir uns das Zeugs leisten. Es gibt nicht wirklich viel gute Kunst in der Welt. Und ich bin ich überzeugt, dass die Menschen das Gute vom Schlechten unterscheiden können.
Aber es gibt doch so viele Künstler, die wirklich faszinierende Projekte machen und dennoch völlig verkannt werden.
Taylor-Taylor: Vielleicht kommt es tatsächlich aufs Medium an. Aber wenn man, wie wir, eine traditionelle Rockband ist, die bewusst nicht jene Musik macht, welche die Massen hören will, glaube ich fest daran, dass all jene Leute, die so drauf sind wie wir, uns irgendwann entdecken werden. Und von solchen Leuten gibt es nicht wenige, dass weiss ich. Gerade in Europa gibt es sogar ziemlich viele davon.
Gutes Stichwort. Weshalb zählen die Dandy Warhols in Europa zu den bekanntesten Indie-Bands überhaupt, derweil ihr in den USA doch weit weniger populär seid? Ist Europa aufgeschlossener?
Taylor-Taylor: Die Radios in Europa sind definitiv aufgeschlossener. In den USA fokussieren die professionellen Radistationen auf die Zwölfjährigen. Raprock und Punkpop, das ist die einzige weisse Musik, die zu hören ist. Dazu kommt schwarze Musik; Soul und Hip Hop. Unser Sound wird nur an College-Radios oder halblegalen Independent-Sendern gespielt, da dafür massiv. Wir sind wahrscheinlich die berühmteste Underground-Band, die in Amerika jemals existiert hat. Wenn wir noch ein wenig bekannter werden, dann sind wir wirklich gross (lacht). Und doch werden wir von den grossen Radios total ignoriert.
Dennoch sind die Dandy Warhols, mindestens in Europa, die Lieblinge der Musikkritiker. Jedes der fünf bisherigen Alben wurde enorm positiv aufgenommen. Ist das nicht seltsam, bei dieser Art von Musik?
Taylor-Taylor: Doch, das ist seltsam. Ich habe so was noch nie gesehen. Ich kenne keine andere Band, die soviel positive Besprechungen bekommt.
Dabei gibt es auf dem neuen Album Stücke wie «Colder Than The Coldest Winter Was Cold» oder «A Loan Tonight», die zwar wie normale Rocksongs beginnen, aber sich plötzlich in superpsychedelische Kakophonien verwandeln. Sowas können doch nicht mal mehr die Kritiker gut finden, geschweige den Fans.
Taylor-Taylor (lacht laut): Ich würde sagen, für kleine Kinder ist das bestimmt nicht die richtige Musik. Es sind musikalische Gedankenreisen. Wir sind eine Band, die übermässig viel Zeit damit verbringt, herumzuhängen und nachzudenken. Wir sind grosse «Headtrippers».
Kann man sagen, dass die Dandy Warhols nach Auflösung der englischen Beta Band die letzte moderne Hippie-Combo der Welt sind?
Taylor-Taylor: Oh ja, wir sind die aktuellen neuen Grateful Dead. Bei unserem Sound kann man richtig abspacen und trotzdem tanzen, genau wie dazumal bei Grateful Dead. Bei andern Bands gibt’s das eine oder das andere, aber nie beides. Das Geheimnis liegt in unserer musikalischen Formel. Die Kraft liegt in der Einfachheit. Als wir begannen, waren wir lausig schlechte Musiker. Zia McCabe, unsere Keyboarderin, konnte nicht mal ein Instrument spielen. Doch wir hatten Spass, und wir entwickelten uns gemeinsam, wurden besser und besser.
Die Dandys sind eine Band, die schwer zu fassen ist. Gewisse Aussagen scheinen widersprüchlich, stellen sich dann aber oft als Ironie heraus. Ist das auch ein Teil des Erfolgsgeheimnisses?
Taylor-Taylor: Das wichtigste und einzige, weshalb wir auf diesem Planeten sind, ist um zu leben, und zwar richtig. Was jemand über Dich sagt oder denkt, ist scheissegal. Wir denken viel nach, wie ich gesagt habe, aber bestimmt nicht über die Meinungen anderer Leute. Wir machen, wozu wir Lust haben. Und dann schauen wir, obs gut war oder nicht.
Obwohl viele der Songs enigmatisch Lyrics transportieren, scheinen sie sich stets im Milieu von «Sex & Drugs & Rock’n’Roll» zu bewegen. Weshalb?
Taylor-Taylor: Meine Songs sind über Menschen, die mich ankotzen, über Zustände oder Ereignisse, die mich ankotzen, oder über Shit, den ich anstelle, und der mich ankotzt, weil es mir im Nachhinein peinlich ist und ich mich dann, eine Art Therapie, in den Songs dafür entschuldigen muss. Das ist es ungefähr. Ich glaube nicht, auch wenn die Lyrics nicht immer klar sind, dass ich viel über Sex geschrieben oder gesungen habe. Was den Sex transportiert, ist die Musik selber.
Ist «Sex & Drugs & Rock’n’Roll», wie mir Brian Molko von Placebo in einem Interview mal gesagt hat, also wirklich nur ein Mythos?
Taylor-Taylor: Nun, Brian und ich haben nach einem unserer Konzerte heftig Drogen konsumiert, in einem Badezimmer. Mit all den schönen und weniger schönen Folgen. Das war also erst Rock’n’Roll, dann Drogen, und dann, naja, Sex. Es ist kein Mythos. Es passiert, und es ist grossartig. Aber es ist niemals elegant oder erhaben. Es ist dreckig. Der Mythos basiert auf der Vorstellung, dass es ein sagenhaftes Erlebnis sei. Das stimmt nicht. Es ist vielleicht romantisch. Aber die Vorstellung, ein Bauer zu sein, der sein Land beackert, ist auch romantisch. Mann muss da schon unterscheiden.
Dann kann man also davon ausgehen, dass Sie dem inzwischen entwachsen sind?
Taylor-Taylor: Nein, nein. Leider nicht. Ich wünschte mir, das ginge (lacht). Aber ich kanns nicht. Aber man kann das nicht immer leben. Sonst macht es Dich kaputt, und es verliert seinen Reiz, wie alles, was man übertreibt. Man muss es sich für spezielle Augenblicke aufsparen. Etwas anders ist es mit dem Alkohol. Trinken macht immer Spass. Wenigstens für mich. Ich muss wirklich aufpassen, denn ich liebe es, betrunken zu sein. Ich werde dann fröhlich und zufrieden. Das kann gefährlich sein.
Seid ihr auch betrunken, wenn ihr Konzerte gebt?
Taylor-Taylor: Nein, wir gehen nie betrunken oder zugeknallt auf die Bühne. Manchmal sind Einzelne von uns am Ende des Gigs betrunken. Aber niemals, wenn wir auf die Bühne gehen. Dafür ist uns die Musik zu wichtig.
