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Goldfrapp«Irgendwo steckt Punk in unserer Band»

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Date: August 2005

Das englische Alternative-Pop-Wunder Goldfrapp hat mit «Supernature» sein drittes Album veröffentlicht. Im Interview spricht der blonde Vamp über spirituelle Tänzer, Romantik, sexuelle Zweideutigkeit, Madonna. und Fantasiewelten,

Nach dem ätherischen Debüt «Felt Mountain» und dem psychedelischen Zweitling «Black Cherry» huldigen Alison Goldfrapp und Will Gregory nun der Glam-Rock-Epoche, loten den Tanzboden aus – und verzichten dennoch nicht auf ihr Markenzeichen, die kühle Melancholie. Grandios!

Das englische Alternative-Pop-Wunder Goldfrapp hat mit «Supernature» sein drittes Album veröffentlicht. Nach dem ätherischen Debüt «Felt Mountain» und dem psychedelischen Zweitling «Black Cherry» huldigen Alison Goldfrapp und Will Gregory nun der Glam-Rock-Epoche, loten den Tanzboden aus – und verzichten dennoch nicht auf ihr Markenzeichen, die kühle Melancholie. Grandios! Im Interview spricht der blonde Vamp über spirituelle Tänzer, Romantik, sexuelle Zweideutigkeit und Madonna.

Miss Goldfrapp, Sie haben dem neuen Album den Titel «Supernature» gegeben und haben es als eine «musikalische Überwelt voll von hybriden Kreaturen» bezeichnet. Das klingt, mit Verlaub, etwas abgehoben...

Alison Goldfrapp: Wir haben diesen Titel gewählt, weil sich die neue Geschichte aus all dem ernährt, was wir bisher gemacht haben. Es ist eine konsequente Fortsetzung unserer Arbeit. Nicht nur musikalisch, auch gedanklich. Es geht um Themen wie «Mensch und Natur», «Mensch und Maschine». Aber es geht auch um etwas, das grösser ist als das Leben, eine Fantasiewelt. Es ist jedenfalls sehr persönlich. Deshalb kann es sehr gut sein, dass abgehoben klingt.

In dieselbe Richtung tendiert ja auch Ihre Aussage, dass Sie Clubbers als spirituelle Tänzer betrachten.

Goldfrapp:
Stimmt, das hab ich gesagt. Aber das war eher als Witz gemeint.

Ein guter Witz. Denn die Clubgänger, die ich kenne, scheinen nicht wirklich spirituell zu sein, im Gegenteil. Meistens sind es betrunkene, mit Drogen zugedröhnte Monster, die gerne mal ausrasten.

Goldfrapp (lacht): Oh ja, in England ist es genauso. Nein, wirklich, die Aussage war ironisch gemeint. Wobei wir uns bei der Produktion des Albums schon auch Bilder von Wäldern voll von tanzenden Menschen vorgestellt haben. Menschen mit edlen Anzügen, im Satin-Chic und mit Stillettos. Ungefähr so wie in einem sehr modernen Märchen. Es war eine sehr schöne Vorstellung.

In den Nightclubs, mindestens in jenen der Schweiz, trifft man aber auch kaum mehr Menschen mit Stillettos und Satin-Chic. Das kann sich diese Szene gar nicht mehr leisten. Man trägt Turnschuhe, Jeans und sexy T-Shirts.

Goldfrapp: Ich verstehe. Da ich Clubs nicht mag, gehe ich selten hin. Und deshalb muss ich mir die Bilder halt in meiner Fantasie ausmalen. Aber ich bestehe darauf: die Vorstellung der gestylten tanzenden Menschen im Wald war schön.

Es klingt seltsam, wenn Sie sagen, dass Sie Clubs nicht mögen. Die Musik von Goldfrapp, dies ist mein Eindruck, hat über die drei Alben hinweg immer mehr Clubcharakter bekommen. Aber vielleicht lieg ich damit falsch.

Goldfrapp: Nein, dieser Eindruck ist nicht falsch. Ich höre das immer wieder, von verschiedenen Leuten. Was ich dazu sagen kann ist bloss, dass definitiv keine Absicht dahinter steckt. Wir machen jene Musik, die uns gefällt, aus dem Moment heraus. Beim Schreiben der Songs haben wir nicht im Entferntesten an Clubmusik gedacht.

Vielleicht liegst an der Struktur der Rhythmen, die auf «Supernature» doch stärker auf den Dancefloor ausgerichtet sind.

Goldfrapp: Das kann durchaus sein. Ein Ziel, das wir mit dem neuen Album verfolgt haben, war, den Songs eine Einfachheit zu geben, sie schlichter zu gestalten. Vom Rhythmus her, aber auch vom Aufbau her. Und diese Einfachheit ist wohl etwas, was die Clubmusik auch beinhaltet.

Sie sprechen von reduzierten Arrangements. Was bei diesem Prozess ebenfalls wegfiel, sind die fast spirituellen, verträumten, romantischen Momente, die mindestens das Debütalbum «Felt Mountain» noch nachhaltig geprägt hatten.

Goldfrapp: Auf «Felt Mountain» gabs viele dieser Momente, das stimmt. Beim zweiten Album «Black Cherry» warens schon deutlich weniger. «Felt Mountain» war aus einem Guss, alles dasselbe, enorm viele Streicher, die, da stimme ich zu, schon irgendwie Romantik vermittelt haben.

Aber die Frage lautet: weshalb ist diese Romantik verschwunden? An Ihrem Umzug nach Bath, einem der malerischsten und romantischsten Städtchen Englands, kanns ja kaum gelegen haben.

Goldfrapp: Nein, überhaupt nicht. Ich bin sowieso dagegen, dass die Umgebung, in der man lebt oder arbeitet, einen zu grossen Einfluss auf die Musik haben sollte. Nur weil ich in an einem lieblichen Ort wohne, muss ich doch noch lange keine liebliche Musik produzieren. Entscheidend ist, was im Kopf passiert. Zudem muss ich widersprechen. Ich erkenne noch immer sehr viel Romantik in unserer Musik. Es ist eine andere Art von Romantik. Die musikalischen Landschaften sind elektronischer, die Lyrics berichten von seltsameren Ereignissen, die Stimme ist heftiger. Die Romantik ist anders, aber sie ist noch immer da. Unsere Musik ist einfach vielseitiger geworden, und das ganz bewusst.

Die Single «Ooh La La» ist eine Art Hommage an T. Rex und Marc Bolan und deren poppigen Glam-Rock...

Goldfrapp (unterbricht): Sagen wirs so: der Song ist eine Referenz an den Glam-Rock, Als Hommage an Marc Bolan war er nicht beabsichtigt.

Gut, aber weshalb haben Sie einen Sound ausgegraben, der so überhaupt nicht im Trend liegt ?e dem jüngsten Trend...

Goldfrapp: Ich habe Glam-Rock, und speziell jene von Bolan, nicht neu entdeckt, die war immer. Als kleines Mädchen habe ich diesen Sound zum ersten Mal gehört, meine Schwester war ein grosser Fan von ihm. Und auch ich wurde zum Fan, habe mich gar in ihn verknallt. Seine sexuelle Zweideutigkeit, der fantastische Nonsens seiner Lyrics, all das hat mich schon interessiert. Und heute ist es mehr die Art, wie die Songs produziert wurden, die ich spannend finde.

Eine provokative Frage: Will Alison Goldfrapp im Jahre 2005 in jene schlüpfen, die Marc Bolan in den Siebziegerjahren innehatte und eine Art zeitgeistiges Rockidol und Sexsymbol sein?

Goldfrapp (kichert): Diese Frage ist eine Art Kompliment, oder? Ich denke nicht, nein. Wer kennt heute noch Marc Bolan? Das sind alles alte Leute. Leute, die noch nie von Goldfrapp gehört haben.

Sie haben vorher den Sex von Marc Bolan angesprochen. Glauben Sie, dass Sex heute in der Musik zum wichtigen Verkaufsargument geworden ist? Und zwar nicht nur der optisch erkennbare Reiz, sondern auch der Sex, der in der Musik innewohnt?

Goldfrapp: Beim optischen Reiz ist das ja völlig klar. Es gibt gewisse Musik, die verkauft sich nur wegen dem auf Sex getrimmten Outfit. Der zweite Teil der Frag ist schwieriger zu beantworten. Ich müsste ein Beispiel haben. Eine Band, die für mich sexuelle Musik gemacht hat, war Joy Division. Aber die gibts nicht mehr. Ich denke, wichtig ist, sinnliche, emotionale Musik zu machen. Musik, die Gefühle vermittelt und anspricht. Aber ich glaube, das etwas, was Dir als Hörer ein sexy Gefühl vermittelt, muss nicht unbedingt sexy sein. Zudem geht das in einen Bereich hinein, bei dem es um sehr individuelle Vorstellungen und Empfindungen geht. Da kann man keine allgemeingültige Antwort geben. Es geht um Musik, und Musik kann man nicht erklären.

Goldfrapp werden, wie auch Fischerspooner aus New York, oftmals mit dem Terminus «Art-Pop-Duo» umschrieben. Was genau ist ein Art-Pop-Duo?

Goldfrapp (lacht):
Verdammt, wie soll ich das wissen? Ich habs ja nicht geschrieben. Zudem ist es mir auch ziemlich egal. Vielleicht hat es damit zu tun, dass wir nicht Mainstream sind. Da wird man bald einmal in die Kunstecke gestellt.

Wie wichtig ist heutzutage das richtige Image für den Erfolg einer Band?

Goldfrapp: Ich glaube, das Image wird erst dann zum zentralen Thema, wenn eine Band oder ein Musiker nicht sehr gut sind. Wenn man nicht mehr über Musik sprechen kann, sucht man nach andern Dingen, und landet oft beim Image. Das kann eine Band natürlich auch steuern, keine Frage. Aber ich glaube, wenn Du als Musiker gut bist, richtig gut, kannst Du irgendein Image haben, als Freak gelten oder was auch immer, Deine Qualität wird sich durchsetzen. Ebenso falsch oder altmodisch ist es aber zu denken, alle Bands, die sich ein spezielles Outfit geben, seien miese Bands. Für konstruierte Bands, die durch die TV-Promotion zum Hype gemacht werden, ist das richtige Image wichtig. Aber diese Bands taugen sowieso nichts.

Aber Madonna beispielsweise, der man ein musikalisches Talent bestimmt nicht absprechen kann, hat ihr Image – oder besser – der permanente Wandel ihres Images enormen Erfolg gebracht.

Goldfrapp: Madonna ist talentiert, das stimmt. Aber sie ist vor allem sehr clever. Sie weiss, wie sie sich verkaufen muss. Und sie weiss, von wem sie die Songs schreiben lassen muss, dass sie ankommen. Sie hat darauf eine ganze erfolgreiche Karriere aufgebaut.

Das klingt ja fast schon nach punkiger Aufmüpfigkeit...Goldfrapp und Punk, passt das zusammen?

Goldfrapp: Unbedingt, ja. Irgendwo steckt Punk in unserer Band, ganz sicher. Und auch in unserer Haltung.

Sie sind bekennende Tierliebhaberin. Nun verbinden Sie im Song «Ride A White Horse» diese Liebe zur Natur und ihren Geschöpfen mit der coolen Clubwelt. Ist das kein Widerspruch?

Goldfrapp: Klar ist das ein Widerspruch (lacht). Der Song handelt von einem Mädchen in der Disco, das diesen reichen Typen trifft. Er prahlt mit seinem Geld, und sie ist ziemlich gelangweilt. Und während er spricht und spricht und sie beeindrucken will, träumt sie davon, an einem andern Ort zu sein, in einer andern Welt zu leben...wo sie ein weisses Pferd reiten könnte.

Aber mit einem Drogentrip hat dieses Bild nichts zu tun?

Goldfrapp: Natürlich ist es ein bisschen trippig. Man ist im Club, hört die rhythmische Musik, die Gedanken fliegen davon, und plötzlich reitet man in der Vorstellung total hingebungsvoll auf einem schnellen weissen Pferd, spürt die Geschwindigkeit...das ist, find ich, schon eine Art sinnlicher Trip.









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