Erlend Øye: Der singende DJ
Date: April 2004
Erlend Øye, Singer/Songwriter der fantastischen norwegischen Folkpop-Band Kings Of Convenice, ist auf den elektronischen Geschmack gekommen. Nach der synthetischen Tour D’Horizon „Unrest“ von 2003 offenbart der skurille Twentysomething mit der DJ-Kicks-Compilation nun seine Vorstellung von guter Tanzmusik.
Es ist 12 Uhr mittags. Normale Menschen verdrücken um diese Zeit ein Brötchen. Reiche Menschen ein Filet Mignon. Und Erlend Øye? Der schweigt. Oder gähnt. Wieder und wieder. Und wenn er nicht gähnt, hat er einen Lachanfall. Die ersten 15 Minuten des Telefoninterviews mit dem Shootingstar sind ein zwiespältiges Erlebnis. Wäre nicht verbrieft, dass der Wuschelkopf mit Brille ein strikter Anti-Toxiker ist, man würde ihn glatt auf dem Höhepunkt eines Marihuana-Rausches wähnen. Irgendwann sagt er dann, er sei eben erst aufgestanden und noch nicht so bei der Sache.Â
„Nicht so bei der Sache“, das ist der Mann aus dem norwegischen Städtchen Bergen wohl eher selten. Anders wäre seine bisherige Karriere, steil wie der Gotthardpass, kaum möglich gewesen. Was Øye anfasst, wird zu musikalischen Gold. Erst sechs mickrige Jahre ists her, dass er mit seinem Kumpel Erik Glambek Boe die Kings Of Convenience ins Leben rief. Zwei Gitarren, zwei Stimmen. 2001 lancierten „Fanta 2“ ihr Debüt „Quiet Is The New Loud“. Eine Platte voller zerbrechlicher, kleiner Songs, die so fragil schienen, dass man sie – wie ein aus dem Nest gestürzter Piepmatz – hätscheln und behüten wollte, damit ihnen da draussen, in der Welt des Krachs und der Hektik, nichts zustossen würde. Glücklicherweise waren die Kings Of Convenience nicht allein mit ihrer zarten Botschaft. Bands wie Travis, Coldplay, Starsailor oder Turin Brakes hatten in den Folkpop-Kanon mit eingestimmt; „Quiet Is The New Loud“ war bald nicht mehr nur ein Albumtitel, sondern ein neues, eigenständiges Genre – aufgebauscht und abgefeiert von führenden Musikpostillen wie „NME“ oder „Rolling Stone Magazine“.
Das Ende als Neuanfang
Wer geglaubt hatte, KOC würden ihren Siegeszug unbeirrt fortsetzen, sah sich bald getäuscht. Erik Glambek Boe entschied sich nämlich nach der ersten Tournee, die Gitarre gegen den Schreibstift einzutauschen und sich fortan dem Psychologiestudium zu widmen. Wenigstens vorläufig. Und Øye? Der war zwar frustriert, aber viel zu wirblig, zu neugierig und zu lebensfroh, um nun einfach auf Pause zu machen. Durch neue Freunde kam er zum neuen Sound. Und eines Tages stand ein Erlend-Øye-Soloalbum in den Regalen. Es hatte mit akustischer Musik etwa soviel zu tun wie die SVP mit Europa. „Unrest“, das war synthetischer und progressiver Pop in Reinkultur. Zehn Songs, aufgenommen in zehn verschiedenen Städten mit zehn verschiedenen Produzenten. Was nur wenigen Künstlern geglückt ist, schaffte der Twentysomething scheinbar mit Links: den erfolgreichen Wechsel in ein komplett anderes Genre. Wir erklärt er sich dieses Kunststück? „Wahrscheinlich, weil ich mich bis Ende der Neunzigerjahre nicht für solche Musik interessiert habe.“ Logo.
Erlend Øye war auf den elektronischen Geschmack gekommen. Er verlegte seinen Wohnsitz nach Berlin und war nun immer öfters hinter den DJ-Desks anzutreffen. Es war eine Frage der Zeit, bis dass das findige Berliner K7-Label auf ihn aufmerksam wurde. Dass die deutschen Trendsetter dem Herrn Øye aber gleich ihre fast schon heilige DJ-Kicks-Serie „anvertrauten“, war dann schon eher überraschend. Auch für ihn? „Immerhin bin ich ein singender DJ.“ Aha. Etwa so wie jene Entertainer, die in den Sixties ihre Dancing-Gäste durch das Mitträllern der rotierenden Scherben unterhielten? „Nein“, schnaubts mürrisch aus der Leitung. „Ich kann singen.“
Da hat er fürwahr Recht. Für den DJ-Kicks-Beitrag hat Øye gleich neun Stücke neu eingesungen. Und zwar hervorragend. Statt wie ein DJ die Beats zweier Tracks ineinander zu mischen, macht er dasselbe mit seiner Stimme: er singt Strophen des nachfolgenden Songs ins eben laufende Stück hinein. Dabei wagt er Experimente, die sind so frech und smart, dass man ihm durchaus den Titel „Avantgardist“ zuschreiben darf. Röyksopps Elektropop, gemischt mit The Smiths. Oder Housemusik, kombiniert mit Elvis’ „Always On My Mind“. Crazy. Aber stark. Generell besticht der ganze Mix durch seine phonogene, melodiöse Grundstimmung. Neben Acts wie Cornelius, The Rapture oder Morgan Geist, deren Popularität inzwischen über die Club-Society hinausgeht, hat das helle Nordlicht auch weniger bekannte Namen portiert. Eine sympathische Geste, die unterstreicht, dass er den Kontakt zu den „Boyz In Da Hood“ auch nach dem Karrieresprung nicht abgebrochen hat.
Ein Leitfaden fürs Deeyaying
Überhaupt pflegt Erlend Øye einen sehr spielerischen Umgang mit dem ganzen DJ-Hype. So hat er unlängst einen ironischen Leitfaden fürs richtige Deejaying und Clubbing verfasst. Darin rät der Agent Provocateur den Djs, während des Auflegens keine Konversation zu betreiben, sondern sich auf breites Grinsen und „High Five’s“ zu beschränken. Ein anderer Tipp: wenn’s im Club zu heiss wird, sofort die Fenster aufreissen. Und wenn die Veranstalter kommen und diese wegen den Nachbarn wieder schliessen? Sofort wieder aufreissen! „Don’t worry, they won’t get mad. You’re the DJ! They paid to get you there!
Kings Of Convenience: „Quiet Is The New Loud“ (Source / EMI, 2001)
Erlend Øye: „Unrest“ (Source / EMI, 2003)
VA: DJ-Kicks, Mixed by Erlend Øye (K7 / Disctrade, 2004)
