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Basement JaxxDie Rückkehr der “Hand Gottes”

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Date: Oktober 2003

Mit dem 2001 erschienenen zweiten Album “Rooty” hatten sich Basement Jaxx in die englische Dance-Avantgarde katapultiert. Nun legt das Duo den dritten Longplayer “Kish Kash” – und hat keine Ahnung, wie dieser “neue” Sound entstanden ist.

Die “Hand Gottes” griff erstmals 1986 in Mexiko ins irdische Geschehen ein. Sie erzielte ein Tor – in einem Fussballmatch! Dabei war es nicht irgendein Spiel, sondern der WM-Viertelfinal zwischen England und Argentinien. Eine königliche Partie. Nicht nur wegen des Falkland-Konflikts mindestens so brisant wie die “Watergate”-Affäre. Jedenfalls spedierte die “Hand Gottes” in der 50. Minute das Leder ins englische Netz. 1:0 für Argentinien! Dabei glaubten 70 Millionen Fernsehzuschauer und 80 000 Fans im Stadtion gesehen zu haben, dass Superstar Diego Maradona ein Handstor erzielt hatte, eine klare Regelwidrigkeit also. Der Glaube konnte für einmal keine Berge versetzen. Das Schiedsrichtertrio hatte nichts vom Handspiel des Schlitzohrs mitbekommen und gab den Treffer. Und Maradona hielt an seiner Darstellung fest – “es war die “Hand Gottes”!”.

Fragen über Fragen

Nach dem verständlichen ersten Aufruhr wurde es bald wieder ruhiger um die “Hand Gottes”; sie verschwand heimlich, still und leise dahin, wo sie her gekommen war (wenn auch niemand genau wusste, wo das war). Doch nun, rund 17 Jahre später, scheint sie die Natur gegebenen Gesetzte erneut zu manipulieren. Wie sonst könnte man die seltsame Aussage der Basement-Jaxx-Mitglieder Felix Buxton und Simon Ratcliffe erklären, sie hätten keine Ahnung, weshalb ihr neues Album so brillant geworden sei, wie es geworden ist. Gab es einen Plan? “Nein, eigentlich nicht. Wir haben in Brixton ein neues Studio eingerichtet, und dieses wollten wir ausprobieren.” Gab es Bands, die den neuen Sound beeinflusst haben? “Nein. Wir haben uns zwar viel Musik angehört, fanden aber alles sehr uninspiriert.” Aber, mein Gott, wie kam es dann zu diesen neuen Songs? Ratcliffe: “Nun, es gab da so etwas wie einen höheren Sinn. Wir wussten nicht, was wir taten, aber es machte Spass.” Ein höherer Sinn? Nennen wirs doch einfach beim Namen: es war die unsichtbare “Hand Gottes”!

Dass die metaphysische Pfote gerade bei Basement Jaxx eingriff, ist indes nicht erstaunlich. Felix Buxton stammt aus einer streng religiösen Familie. Obwohl er selbst kein reger Kirchengänger ist, glaubt er an eine höhere, unerklärliche Macht – die sich auch in irdischen Dingen wiederspiegelt. “Man isst gesund, hält sich körperlich fit, kümmert sich um die Alltersvorsorge. Was man aber immer mehr vernachlässigt, ist die spirituelle Seite des Wesens. Musik, Filme, Bücher oder auch Gemälde können solch unfassbare Momente, solche Gefühlslawinen auslösen – sie sind der X-Faktor, die nicht kalkulierbare Seite des Lebens. Und wenn man die Künstler fragt, weshalb sie diesen Satz geschrieben, diesen Strich gezogen, diesen Ton kreiert hätten, könnens sies nicht erklären. Weil sies nicht wissen, es war Eingebung. Fügung. Und genauso war es bei der Produktion von “Kish Kash”.”

Modern statt avantgardistisch

Paff! Von der wahrscheinlich coolsten aller coolen Synthie-Combos Englands, welcher Star-DJ Armand Van Helden einst bescheinigte “they took house music and f***ed it up the ass” hätte man ein solches Statement nicht unbedingt erwartet. Doch es macht die zwei “Jünger” nicht nur sympathisch und nahbar, es übt auch auf deren Sound einen besonderen Reiz aus. Und dieser Sound ist, es wurde vorgängig erwähnt, schlicht fesselnd. “Kish Kash” ist eine Abkehr von Dancefloor-Music in Reinkultur, welcher Basement Jaxx insbesondere mit “Rooty”  gehuldigt hatten. Stand dieses zweite Album für die “Avantgarde” (am eindrücklichsten verkörpert durch “Where’s Your Head At”, ein Track im Stile eines Blitzkriegs), so steht die jüngste Produktion für die “Moderne”.

Man hechelt dem Zeitgeist nicht mehr um Monate voraus. Dafür hat man (oder die “Hand Gottes”?) die gängige Musik ausgebreitet, dekonstruiert, und wie ein schräges, kunterbuntes Legohaus neu zusammengebaut; einen schiefen Turm von London gezimmert, in welchem sich die verrücktesten Dinge zutragen. Da jaulen sich schwule Mädchen durch einen öligen Americana-Swingjazz. Da knallt und hallt die Rhythmuspeitsche so scharf durch die (Klang-)Räume, dass man hinter jeder zweiten Ecke Missy’s  Groovemeister Timbaland vermutet. Auch die heimtückische Punkrock-Mieze Siouxie Sioux huscht durchs Gebäude, aufreizend fauchend wie eh und je. Irgendwo bewegt östlicher Mystizismus-Rap die Lenden, anderswo krachts nach House – keine Panik, es war nur ein “veeery fönky” Bigbeat. Und als man meint, alles gehört zu haben, da taucht, begleitet von einer geheimnisvollen Frauenstimme, auch noch ein Gitarrero auf, um eine verlorene, wilde Weise zu zupfen.

Basement Jaxx, seit Beginn für ihren verspielten Umgang mit der Materie “Musik” bekannt, waren niemals so grossartig wie auf “Kish Kash”. Bestimmt werden einige urteilen: niemals so durchgeknallt. Das kann Buxton und Ratcliffe egal sein. Sie hatten ja schliesslich keine Ahnung, was in ihrem Studio vor sich ging.

Basement Jaxx: “Kish Kash” (XL Recordings / MV)

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