The Brand New Heavies: Keepin’ the Funk alive!
Date: Januar 2005
Neue Sängerin, neues Album, bewährter Sound: das englische Trio The Brand New Heavies hält sich und seinem Stil die Treue.
The Brand New Heavies. Das heisst, etwas salopp übersetzt, brandheisse und ziemlich deftige Neuigkeiten. Wenn sich also eine Band einen solchen Namen gibt, würde der gutgläubige Musikkonsument eigentlich erwarten, dass sie dieses Versprechen auch einlöst und sich mit jedem Album neu erfindet. Und zwar von Grund auf. Fakt aber ist: The Brand New Heavies tun das exakte Gegenteil davon. Es gibt wohl kaum eine andere Formation, die sich, wie die Heavies, seit nunmehr bald fünfzehn Jahren den Weg durch Dickicht des Musikdschungels bahnt, und ihrem längst archetypischen «funky style» noch immer die Treue hält. Definitiv der Zeitpunkt also, um Simon Bartholomew, den Leadgitarristen und Sänger des Londoner Trios, nach dem Grund dieser vermeintlichen «Sturheit» zu befragen.
Bartholomew lacht. «Mit Sturheit hat das überhaupt nichts zu tun», so der gutaussehende Mitdreissiger. «Aber würdest Du einen Anlass sehen, Deine Sexpraktiken plötzlich auf den Kopf zu stellen, wenn Du damit ein Leben lang fast nur gute Erfahrungen gemacht hast?» Nein, würde ich wohl nicht. Aber Musik und Sex...Doch Bartholomew erlaubt keinen Konter, nein, er hat sich längst ins Feuer geredet. «Zudem haben wir unseren Stil sehr wohl verändert. Da gab es immer wieder andere Sängerinnen, da gab es neue Instrumente. Klar, wir waren stets einem funky Sound verpflichtet. Aber Funk ist schliesslich enorm vielfältig. Der Funk eines James Brown ist nicht vergleichbar mit jenem von Rufus & Chaka Khan, und Rufus ist nicht vergleichbar mit Prince, und Prince nicht vergleichbar mit Snoop Doog oder Basement Jaxx. Mal heisst das Soul, mal Pop, mal Hip Hop und mal Dance. Und doch ist da immer viel Funk drin. Und so war und ist es auch bei uns. All unsere Musik basiert auf Funk, aber die Zutaten haben sich stets verändert.»
Zum Glück braucht auch ein Vokalakrobat mal Luft, und die Pause sei genutzt, um in einem kurzen Abriss die Historie der Brand New Heavies zu erzählen. Hingerissen von der sexy Soul- und Funkmusik der Seventies beschliessen die Schulfreunde Jan Kincaid (Drums, Keyboards), Andrew «Love» Levy (Bass) und Simon Bartholomew, sich ebenfalls dieser als «Rare Groove Scene» bekannt gewordenen Bewegung zu verdingen. Binnen weniger Monate üben sie sich in ungeahnte Höhen hinauf, bereits werden ihre selbst produzierten Singles von lokalen DJ-Helden aufgelegt, schon stehen sie vor dem Abschluss eines Plattenvertrags, als sie vom Zeitgeist erst eingeholt, dann überholt und schliesslich im Regen stehen gelassen werden. Statt Funk war 1988/89 nämlich Acid House angesagt, ein brachiales, elektronisches Ungetüm, welches mit wilden Sirenen und harten Bässen um sich drosch und die europäischen Tänzer in seinen Bann zog. So dauerte es nochmals knapp zwei Jahre, ehe sich ein Stil etablieren mochte, der zwar auch auf «Acid» war, jedoch ungleich grooviger und sinnlicher daherhüpfte: der Acid Jazz. Dies war Nährboden der Heavies, mehr noch, es war der berühmte Rote Teppich, über den die damals noch ohne Sängerin agierende Crew strammen Schrittes, pardon Beats, an die Spitze der Dancefloor-Charts marschierte. Zusammen mit andern «Hipsters» wie Galliano, The Young Disciples, Incognito, Ronny Jordan oder Omar fabrizierten BNH jenen Sound, der während rund zwei, drei Jahren die Clublands dirigierte.
Zwischen Mainstream und Szene
Doch es war wie immer, auf die eine Welle folgt die nächste, der hektische Acid Jazz wurde weggespült, Trip Hop und seine Zeitlupen-Tempi klopften an die Tür, und mit dem Genre verschwanden auch dessen Protagonisten. Alle bis auf die Brand New Heavies. Simon Bartholomews Erklärung für das Weiterbestehen der Band ist relativ simpel. «Ich glaube, es war wie beim Naturgesetz: wir waren in der Lage, uns neuen Begebenheiten anzupassen. Andere warens nicht.» Angepasst hat man sich durch das Engagement von talentierten Sängerinnen und Sänger wie N’Dea Davenport, Carleen Anderson und Siedah Garret. Oder durch die Ausweitung des Klangspektrums auf Horn- und Bläsersektionen. Vor allem aber durch den gelungenen Spagat eines Sounds, der mindestens partiell dem Massenpublikum huldigte und ebenso die Szenies befriedigte.
Auf demselben schmalen Grat balanciert auch «Allabouthefunk», das neuste Brand-New-Heavies-Album. Soulfunkige Uptempo-Stücke wie «Boogie», «Waste My Time» oder «Surrender», alle mit dem lasziven Timbre der neuen Chanteuse Nicole Russo verziert, werden die Mainstreamer entzücken, da besteht kein Zweifel. Dagegen fokussieren die zartschmelzende Coverversion von «Many Rivers To Cross» ebenso wie die beiden Elektrofunk-Nummern «It Could Be Me» und «How Do We Do This» klar auf Lounge-Hänger oder Club-Gänger. Das Kunststück, das die Brand New Heavies dabei zustande bringen: sie desavouieren weder die eine noch die andere Klientel, im Gegenteil: gut möglich, dass beide Zielgruppen die erfrischend vespielte Scheibe von A bis Z lieben werden.
Die Fakten sind dargelegt, das Fazit gezogen, und so möchte man von Simon Bartholomew zum Abschluss doch noch wissen, ob er uns noch eine brandheisse, deftige Mitteilung zum machen gedenkt, die uns vom Sockel reisst. Wieder lacht der fröhliche Mann, zögert kurz, um dann mit viel Pathos das ultimative Statement abzugeben: «You know, we are still here, because we have a mission: we have to keep the funk alive!»
The Brand New Heavies: «Allabouthefunk» (Phonag Records)



