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Nick CaveTristesse oblige

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Date: Februar 2003

Er gilt nicht gerade als Inbegriff einer Frohnatur, im Gegenteil: bei seiner langjährigen Gratwanderung zwischen Leben und Überleben waren es Schmerz und Zweifel, Drogen und Depressionen, die seinen Weg säumten.

Auch seine Kunst wusste mehr von Mord, Tod und Trauer denn vom irdischen Glück zu berichten. Wohl kaum der richtige Gesprächspartner, um über das Thema Freude zu plaudern, welchem dieses Heft gewidmet ist. Oder vielleicht doch? “Massiv” traf den Musiker in London, wo er sein neues Album “Nocturama” vorstellte.


Episode I: Denn sie wissen nicht, was sie erwartet

Lange, schwarze Schatten und ein Ruf so mies wie Mundgeruch eilten Nick Cave voraus, was seine Koorperationsbereitschaft mit Journalisten betraf. Manch gestandenem Berichtersatter wurde wegen falscher Frage die Türe gewiesen, andere gingen von selbst, mit den Nerven am Ende ob des unberechenbaren, störrischen oder apathischen Verhaltens des exzentrischen Egozentrikers. Er sei inzwischen ruhiger und im Umgang mit der Presse zugänglicher geworden, beteuerte die Plattenfirma in den letzten Jahren fast schon gebetsmühlenartig. Doch das gehört zu deren Job.


In der Lounge des adretten Milestone-Hotels, dort, wo sich die Journalisten einzufinden haben, um später in einem der sündhaft teuren Gemächer mit Herrn Cave das Frage-Antwort-Spiel zu probieren, herrscht Nagelbeiss-Stimmung. Ob Spanier, Italiener, Grieche, Deutscher oder Eidgenosse, alle sind sie angespannt, saugen an ihren Zigaretten wie vernachlässigte Bébés am Schoppen, kippen Espresso und gehen zum x-ten Mal ihre Fragen durch. Niemand aus dieser Schicksalsgemeinschaft weiss, was ihn erwartet. Der Vertreter Iberiens ist der Erste, der den vermeintlichen Gang nach Canossa anzutreten hat. Nach 35 Minuten kehrt er zurück, strahlend. Cave sei in “high spirits”, vermeldet er, und verabschiedet sich. Die anderen saugen und kippen weiter. Der Zyklus nimmt seinen Lauf, im Halbstunden-Takt schleicht einer nach dem andern den aufreizenden Hüftschwüngen der Label-Angestellten hinterher – und steht irgendwann vor Zimmer 208.


Die Gedanken treiben ihr Unwesen. Ist 208 eine Glücks- oder Unglückszahl? Ist mein Englisch wirklich so kläglich, wie der Mittelschullehrer gemeint hat? Ist die Mikrophon-Batterie ersetzt? Sind 30 Fragen genug? Wie heisst...? Was, wenn...? Die Türe geht auf. Vor mir steht Nick Cave, der Leibhaftige. Reicht die Hand zum Gruss – und gähnt. “Excuse me, I had to get up early this morning”. Das Luxuszimmer ist wie erwartet düster und verraucht. Doch Cave, schlaksige 190 cm gross, trägt weder Totengräber-Cape noch Priester-Gewand, dafür einen légèren, dunkelvioletten Anzug mit braunem Shirt. Das Haar ist modisch kurz zurechtgestylt, der Blick klar. Die Überraschung perfekt.


Episode II: Denn er wusste nicht, was er tat

Überraschung deshalb, weil das Gros der 100‘000 Ganz- und Halbwahrheiten, die sich um Nicholas Edward Cave ranken, ein komplett anderes Bild wiedergeben. Freak statt Geck. Junkie statt Beau. Oder radikaler: mehr tot als lebendig. Auch die “Titel”, die ihm in seiner über 25-jährigen Künstlerkarriere von der Zunft der Schreibenden verliehen wurden, tendieren eher Richtung Hades denn gen Garten Eden. “Prinz der Finsternis”. “Menschenfeind”. “Satanismus-Priester”. “Sünder”. “Frustrierter Neurotiker”. Da ragt “Missmutvirtuose”, eine Überschrift des “Spiegel”-Magazins, beinahe schon als Kompliment aus dem bösen Reigen.


Der Urquell dieser “bad reputation” ist ein beinahe klassischer Werdegang. Nick Cave, 1957 in Warracknabeal in der Nähe von Melbourne als Sohn einer Bibliothekarin und eines Englischlehrers geboren, streng christlich erzogen, begann nach der Grundschule ein Studium am Kunstgymnasium. Nach nur zwei Jahren brach er die Ausbildung ab, um seine erste Band, The Boys Next Door, ins Leben zu rufen.


In diesem neuen Umfeld kam er bald schon in Kontakt mit Drogen; notabene mit solchen der härteren Sorte. Gemäss eigenen Angaben hat er sich 15 lange Jahre Heroin gespritzt, Träume und Alpträume in die Venen gepumpt. Mehr und mehr steuerte er dem Abgrund zu, wusste nicht mehr, was er tat. “Ich hatte schon immer eine Seele und einen Dämon in meiner Brust. Die Seele ist offen, gutmütig, warmherzig. Der Dämon aber ist destruktiv, zerstörerisch, unkontrollierbar. Er hat mich in dieser Zeit beherrscht. Irgendwie hab ichs überlebt, und danach gelernt, meine destruktive Ader in einem weniger gefährlichen Umfeld auszuleben.” Dass sich sein Jekyll- und Hyde-Dasein abschwächte, dass sein Name nicht die “live fast, die young”-Liste um Jimi Hendrix, Jim Morrison, Sid Vicious und Kurt Cobain verlängerte, lag an vielen kleinen Faktoren: Die Leidenschaft für Musik und Poesie, die unstillbare Neugier für Unbekanntes, die einigermassen intakte “Familie”, welche ihm vor allem die Bad Seeds um Blixa Bargeld boten. Später, als er die Drogenabhängigkeit zu überwinden begann, war es vor allem die Geburt seines ersten Sohnes, die bei Cave ein bis dato verborgenes Verantwortungsgefühl erweckte.


Dass sich der Wahl-Londoner in den letzten fünf, sechs Jahren nachhaltig verändert hat, war vor allem seiner Musik anzuhören. Die lange Blutspur, die seine Mord- und Totschlag-Poesie hinterlassen hat, wurde weggespült. Verschwunden sind, zum Leidwesen vieler Fans, auch die wirklich harten, von den Bad Seeds mit der Wucht eines Felssturzes interpretieren Rockungetüme. Moll-getränkte Balladen und Jeremiaden sind es nun, die Nick Caves melancholische, larmoyante und sehnsüchtige Last zu schleppen haben. Ob mit diesem akustischen Wandel auch ein sozialer einhergeht? Obs gar eine zweite Überraschung zu erleben gibt?


Episode III: Denn er weiss, was er tut

Nick Cave sitzt entspannt im Sofa und schmaucht ein selbst gedrehtes Zigarettchen. Als er damit fertig ist, offeriert er Tee. “Mit Milch?” Dann erkundigt er sich nach der Reise, nach dem Wetter und der wirtschaftlichen Situation in der Heimat. Fragt, ob der Stuhl bequem sei und schmunzelt, als er ein gequältes “es ist in Ordnung” bekommt.


Äah, bin ich hier richtig bei Nick Cave? Nick Cave, dem letzten natürlichen Feind des Journalisten. Dem einzig verbliebenen “enfant terrible” ausserhalb der Hip-Hop- und Alternative-Rock-Szene? Meine Irritation ignorierend, gibt er preis, dass er sich das neue Album seit dem Abmischen noch nie angehört habe. “Sonst geht der Zauber verloren, schliesslich habe ich nach jeder Produktion das Gefühl, es sei die beste Arbeit, die ich jemals gemacht habe. Und wenn ichs dann anhöre, und dem ist nicht so, schlittere ich in eine Krise.” Er lacht. Und plaudert munter weiter. Unterbricht die Fragen mit Bonmots, mal charmant, mal witzig. Ist aufgeweckt, und, der spanische Kollege hatte recht, tatsächlich in “high spirits”. Ob er für sein kreatives Schaffen immer noch seiner viel zitierten Muse vertraue, will ich wissen. Da schiesst er empor, rollt die Augen, und mit tiefem Bariton raunt er, seine Muse sei eine Hure. “Eine alte Hexe. Eifersüchtig, boshaft, argwöhnisch. Aber sie ist mir treu. Doch wohl nur, weil niemand sonst sie haben will.” Plötzlich wendet er den Blick zur Zimmerdecke, und leise fährt er fort: “Ich will nicht respektlos sein. Ich liebe meine Muse. Wenn sie mich verlassen würde, wäre ich ein Niemand.”


Obwohl der verdiente Applaus ausbleibt, darf er mit seinem kleinen Kammerspiel zufrieden sein, und dies ist er sich bewusst. Nick Cave weiss genau, was er tut. Weiss, wie er den Journalisten unterhalten muss. Weiss, was er erzählen darf, und was er verschweigen sollte. Weiss vor allem, was er seiner Kunst schuldig ist. Dann wirds ernsthafter. Songs schreiben sei eine harte Knochenarbeit. Doch ohne diese Arbeit könne er nicht leben. “Pausen oder Ferien sind mir ein Greuel, ich habe gar Angst davor. Wenn ich schreiben und komponieren kann, bin ich zufrieden. Ausgeglichen, ja gar fröhlich. Nicht glücklich, aber zwischendurch schon mal fröhlich. Aber das sollten Sie vielleicht besser nicht schreiben. Und wenn ich zufrieden und ausgeglichen bin, ist auch meine Frau zufrieden, meine Kids finden mich grossartig. Wenn ich aber nicht arbeiten kann, aus welchem Grund auch immer, dann werde ich, gelinde gesagt, zur Nervensäge. Und verhalte mich bisweilen wie ein Idiot, auch der Familie gegenüber. Arbeiten heisst für mich Überleben.” Nach soviel Offenheit braucht Nick Cave eine neue Zigarette. Und während er mit flinken Fingern daran rumdreht, kommt er ins Schwärmen. Von Bob Dylan und Van Morrison, seinen Helden. Und, dies erstaunt, von Bob Marley und den Wailers. “Ich habe während dem Schreiben von “Nocturama” die ganze Zeit Marley gehört und bin überzeugt, dass dies den Songs die Schwere genommen hat.” Werden Nick Cave And The Bad Seeds also künftig Reggae-Konzerte geben?


Sein Lachen wird durch das Klopfen der Label-Angestellten unterbrochen. Die halbe Stunde ist längst überschritten, doch der “neue” Nick Cave, der auf wundersame Weise vom Badboy zum Prince Charming mutiert ist, gibt eine Zugabe. Und was für eine. “Sie wollten doch noch wissen, was mir Freude macht. Ich gebe ihnen eine Top-Ten-Liste.” Und im Stile von Zarathustra erhebt er sich und spricht: “1. Meine Frau und meine Kinder. 2. Kieselstein-Strände. 3. Englische Landschaftsgärten. 4. Alle Arten von Jungtieren. 5. Pinguine. 6. Blumen, vor allem englische. 7. Nina Simone und Bob Marley. 8. Die deutschen Gotik-Maler Grünewald und Lochner. 9. Die Stille. 10. Die Poesie von Thomas Hardy.” Er holt tief Luft. “Und nun noch zwei Dinge, die ich hasse: Jegliche Art von Unterdrückung und Tyrannei. Und Auberginen.”


Es poltert erneut an die Türe. Er reicht die Hand zur Verabschiedung, bedankt sich, und verschwindet aufs Edelklo. Zurück bleibt eine halbvolle Tasse Tee, ein gut gefüllter Aschenbecher, und ein halbes Dutzend unbeantworteter Fragen. Hey Nick, wie war das genau mit PJ Harvey? Und wie mit Kylie und den wilden Rosen? Wird es je einen Love-Song mit Happyend geben? Wann erscheint ihr nächster Roman. Wieso engagieren sie sich nicht in der Politik? Wieso haben sie noch keinen Film gedreht? Was halten sie von Tony Blair?


Epilog

Nick Cave ist ein grosser, bisweilen gar grossartiger Künstler. Er ist Singer/Songwriter. Pianist. Lyriker. Romancier. Drehbuchautor. Bandleader. Und ein Schauspieler, der die Technik der Camouflage beherrscht. Er ist ein Mann mit mindestens sieben Siegeln. Er hat gelernt, über die vielen, auch schwierigen Jahre hinweg, mit dem Mythos, den seine Person einhüllt, richtig umzugehen. Er war unten, viel tiefer als Walraff, und hat es geschafft, seinem Leben eine positive Wende zu geben. Doch auch im neuen Nick Cave steckt noch eine melancholische, schwermütige, vielleicht gar destruktive Seite. “Trauer, Tod und Gott sind meine ewigen Themen”, gibt er zu. Ein Liebeslied mit gutem Ausgang wird er nie komponieren. Tristesse oblige. Und das ist gut so.



Nick Cave And The Bad Seeds: “Nocturama” (Mute / MV)





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